Eine Stadt in Trümmern, zweieinhalb jüdische Schwestern zurück in ihrer ehemaligen Heimat, um zu schauen, ob man hier noch leben kann, ein Vater mit vielen Gedanken und Plänen, eine Mutter die sie dann umsetzt, ehemalige und zukünftige Liebschaften, zwei Systeme voller Utopien, jede Menge Musik und – ach ja – der Holocaust war ja auch noch. Aber das waren andere Zeiten. Das war damals. Also vor einigen Monaten. Vielleicht sogar Jahren! Jetzt ist es Zeit abzuhaken. Zeit für ein Wirtschaftswunder. Zeit für ein realsozialistisches Land. Zeit für einen kalten Krieg. Zeit für ein Musical. Denn alles andere wurde nur dazu führen, dass man sich mit der Realität auseinandersetzen muss. Und das will wirklich niemand. Denn auf der einen Seite der Stadt gibt es bereits Coca-Cola statt »Heil Hitler« und auf der anderen dürfen Faschisten gar nicht existieren, also gibt es auch keine. Hereinspaziert! Ein absurd-dramatischer Musicalabend – inspired by Hildegard Knef, South Park, Fritz Bauer, Billy Wilder und vielen Anderen.
»Die Regie liebt Britney Spears und der Autor
kommt vom Fernsehen /
Bitte heut schon aufmerksam, aber alles nicht
so ernst nehmen /
Das Feuilleton sitzt auch im Saal, die Stifte
sind gespitzt /
Ne Show von Juden über Juden, na dann viel –
Spass – bei – der – Kritik!«
Premiere 18/Dezember 2025
Foto: Esra Rotthoff
»Dass Sternburg, Teil der großen deutsch-jüdischen Theaterfamilie Langhoff, Dora zur Erzählerinnenfigur macht, ist ein kluger Schachzug. Sie kann Metaebenen etablieren, Diskurse zusammenfassen und bissig Charaktere und Zeitläufte kommentieren, ohne dass das Dialoge überstrapazieren würde. Er nutzt sie auch für eine späte, kluge Perspektivverschiebung, die die Geschichte zum Schluss noch einmal in ein völlig neues Licht rückt. […] Dass diese Figuren wirklich lebendig werden, obwohl der Abend in seinen 135 pausenlosen Minuten immer schneller durch die Geschichte eilt, liegt aber natürlich in erster Linie an den Spielenden. Obwohl Sesede Terziyan und Nairi Hadodo ihre gegensätzlichen Schwestern klar umreißen, sind sie fein schattiert. Allein, wie sie den etwas spröden Beginn mit dem "Ich packe einen Koffer und nehme mit"-Spiel mit Leben füllen, ist bewundernswert. […] Sie alle spielen das mit einem Hauch Expressionismus, mit schwarzer Kontur. Dass sie singen können, weiß man als regelmäßiger Gorki-Besucher. Aber man genießt es wieder, wie sie sich alle ins Zeug legen, ob Bauer mit dem wirklich tollen Song "Der Mensch gegen das System" oder Hadodo mit "Neon Signs". All die Verzweiflung, die Trauer, die Wut, als Jüdin und Jude in Deutschland immer eine Rolle zugewiesen zu bekommen, nie ganz zu Hause zu sein, sie vibriert nicht zuletzt in diesen Liedern. Und der Wunsch danach, solidarisch zusammenzustehen, wenn's mal wieder drauf ankommt.«
»Die Thematik des Abends legt den Musical-Zugriff freilich nicht sofort nahe – auch wenn er mit den Songs von Paul Eisenach hervorragend funktioniert. […] Es ist ein schöner Abend, der Sternburg, Brasch und Eisenach hier gelingt: einer, der das Genre nicht neu erfinden will, aber gut zu nutzen weiß. Und der es schafft, seine Figuren zwar bewusst exemplarisch anzulegen, aber trotzdem als Individuen plastisch werden zu lassen.«
»Was für ein Glitzern, was für ein Funkeln: Zum Opening-Song entert direkt das gesamte achtköpfige Ensemble die Vorbühne und stimmt uns singend, tanzend, steppend darauf ein, dass hier jetzt eine ganz große Show folgen wird. […] Dieser mit großem Aufwand, viel Verve und einem durchweg tollen Ensemble inszenierte Abend mag vielleicht hier und nicht allzu tief schürfen, aber das ist einerseits natürlich dem Genre geschuldet und andererseits absolut verzeihlich, denn die Leichtigkeit, mit der er daherkommt, macht große Freude und er hat manch starke Szene.«
»Was den Abend unbedingt sympathisch macht, ist, dass Brasch und Sternburg ihre Figuren ernst nehmen. Bei allem Witz ist ihre Show völlig frei von den beiden Theaterseuchenkrankheiten: Zynismus und Betroffenheitskitsch.«
»Handwerklich ist der Abend hervorragend – von den Songs über den Stücktext bis hin zum eindrücklichen Bühnenbild von Karl Dietrich und Joel T. Winter. Die junge Regisseurin Lena Brasch, ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammend, inszeniert mit schöner Leichthändigkeit.«