Gülsün Karamustafa

Opening: Aşk, Mark ve Ölüm

Vom 8/Mai–27/Juni im Depo Istanbul

Aşk, Mark ve Ölüm (Liebe, D-Mark und Tod) ist ein Lied aus dem Jahr 1982 von Ideal, einer Berliner Band der Neuen Deutschen Welle. Die Band wusste schon damals, ohne wen kein neues Deutschland zu machen war. Für den Liedtext fragten sie den Schriftsteller Aras Ören an. Geboren 1939 in Istanbul war dieser im Jahr 1969, nachdem er als Dramaturg und Schauspieler in Istanbul gearbeitet hatte, nach Westberlin gezogen. Bereits 1973 war der erste Band seiner Berliner Trilogie, das Poem Was will Niyazi in der Naunynstraße?, publiziert worden. Unter dem Titel Aşk, Mark ve Ölüm schrieb er 1982 ein Gedicht über die Enttäuschung der Immigrant*innen in Deutschland. In einer Zeit der rasant ansteigenden Ausländerfeindlichkeit, begleitet durch rassistische Debatten in Medien und Politik über »Überfremdung«. Aras Örens endet in seiner Übersetzung mit den Zeilen:

»Ich heule, schreie und zerschlage
Mit lauter Stimme, mit leiser Stimme
Die Wände überall, alles ist taub
Der Tod kommt billig zu uns.«

Aşk, Mark ve Ölüm lautet auch der Titel eines vielgepriesenen Dokumentarfilms des 1976 geborenen deutschen Regisseurs Cem Kaya zur musikalischen Kulturgeschichte der türkischen Migrant*innen aus dem Jahr 2022. Inspiriert wurde er dabei auch von der Compilation Songs of Gastarbeiter des DJ-Duos Ayata/Kullukcu, das im Rahmen des Festivals Almancı – 50 Jahre Scheinehe zusammenfand – einem Festival, das 2011 unter der künstlerischen Leitung von Shermin Langhoff am Ballhaus Naunynstrasse in Berlin und Istanbul anlässlich des Jubiläumjahres des Anwerbeabkommens 50 Jahre Widerstandsgeschichte feierte.

Mit der Ausstellung Aşk, Mark ve Ölüm kehren wir »Almancı’s« (»Deutschländer«), wie die Emigrant*innen in der Türkei genannt werden, nach Istanbul zurück. Diesmal anlässlich des bevorstehenden 65. Jahrestags und mit dem Maxim Gorki Theater, das seit 2013 unter der Intendanz Langhoff mit seinem biennalen Berliner Herbstsalon auch Bildende Kunst im Theater präsentiert. Die vom 8/Mai bis 27/Juni im Depo Istanbul zu sehende Ausstellung zeigt dabei in zwei Teilen einen kleinen aber wichtigen Ausschnitt des 7. und letzten Berliner Herbstsalons am Gorki.

AŞK, MARK VE ÖLÜM I

Der erste Teil ist bis auf wenige Werke von Melek Konukman-Tulgan, Filiz Taşkın, Serpil Yeter und Gülsün Karamustafa dokumentarisch. Er basiert auf Recherchearbeit und beschäftigt sich mit den Bewohnerinnen des Wohnheims in der Stresemannstraße 30 in Berlin, das die Firma Telefunken für ihre »Gastarbeiterinnen« einrichtete. Schon hier spielt das Werk von Emine Sevgi Özdamar eine wichtige Rolle. Geboren 1946 in Malatya in Ostanatolien und aufgewachsen in Istanbul und Bursa, kam sie 1965 in die Stresemannstraße 30. Von ihrem Leben im »Wonaym« zwischen der Arbeit bei Telefunken, der Sehnsucht nach dem Theater und nach einer Welt frei von Ausbeutung und Unterdrückung erzählt sie u.a. in ihrem Roman Die Brücke vom Goldenen Horn (1998), dem ersten Band ihrer Istanbul-Berlin-Trilogie. Auf der langen Fahrt von Istanbul nach Berlin sagt darin eine der Mitreisenden: »Was für ein nicht aufhörender Weg«. Er hat bis heute nicht aufgehört. Die erträumte bessere Welt, die einmal so nahe schien, rückt wieder in weite Ferne. Im zweiten Band Seltsame Sterne starren zur Erde schreibt sie: »Ich bin unglücklich in meiner Sprache. Die Wörter sind krank. Meine Wörter brauchen ein Sanatorium. Wie lange braucht ein Wort, um wieder gesund zu werden? Man sagt, in fremden Ländern verliert man die Muttersprache. Kann man nicht auch in seinem eigenen Land die Muttersprache verlieren?«

Das sind Sätze, die man in Deutschland einmal sehr gut verstand. Als man sich dort nämlich noch schämte darüber, was Eltern und Großeltern der Muttersprache mit derjenigen des Dritten Reiches angetan hatten. Emine Sevgi Özdamar ging ins Theater zu Brechts und Weigels Berliner Ensemble, um die Wörter zu heilen. Sie war nicht die Erste und nicht die Einzige dort. Nuran Oktar und Vasıf Öngören, die anderthalb Jahre als Heimleitung in der Stresemannstraße arbeiteten, waren auch nach Berlin zum Theater gekommen. Das Theater lebt auch davon, dass wir dabei helfen, die Wörter zu heilen. Alleine schafft das niemand und schon gar nicht eine »Nation«. Diese ist angewiesen auf die anderen Menschen, die anderen Sprachen. Das war die Erfahrung der Frauen in der Stresemannstraße 30, der Immigrantinnen aus vielen Nationen. Das ist, womit wir und woran wir arbeiten im Maxim Gorki Theater. Wir arbeiten dort an einem neuen Theater für das neue postmigrantische Deutschland. Wieder eine neue deutsche Welle.

AŞK, MARK VE ÖLÜM II

Im zweiten Teil der Ausstellung Aşk, Mark ve Ölüm setzen sich Künstler*innen, insbesondere in Videoarbeiten sowie Skripten und Skulpturen, oft biografisch inspiriert mit Deutschland auseinander: Nevin Aladağ, Züli Aladağ, Cana Bilir-Meier, Zühal Bilir-Meier, Ahu Dural, Semra Ertan, Harun Farocki & Antje Ehmann, Daniel Knorr, Hakan Savaş Mican, Ersan Mondtag, Irfan Önürmen, Emine Sevgi Özdamar, Ülkü Süngün und Želimir Žilnik.

Ergänzt wird die Ausstellung um ein Rahmenprogramm aus Artist Talks, Lectures und Screenings. Zur Vernissage am 8/Mai singt die Sängerin, Performerin und Regisseurin Nihan Devecioğlu und Emine Sevgi Özdamar wird sprechen. Am 9/Mai zeigen wir Aufzeichnungen der Theaterinszenierungen Dschinns von Fatma Aydemir in der Regie von Nurkan Erpulat sowie Unser Deutschlandmärchen von Dinçer Güçyeter in der Regie von Hakan Savaş Mican. Jeweils mit anschließenden Gesprächen mit Autor*innen und Regisseur*innen. Aydemir und Güçyeter gehören zur sogenannten zweiten Generation Einwanderer*innen in Deutschland und sind wie auch Ören und Özdamar aus der deutschsprachigen Literatur nicht wegzudenken. Beide Autor*innen wurden kürzlich auch in türkischer Übersetzung in der Türkei publiziert. Am 10/Mai treffen wir die Künstlerin Cana Bilir-Meier aus der dritten Generation, die mit drei eigenen Werken in der Ausstellung vertreten ist und zugleich sowohl Werke ihrer Mutter Zühal Bilir-Meier als auch ihrer Tante, der Schriftstellerin Semra Ertan mitgebracht hat. Semra Ertan, Jahrgang 1957, zog 1971 zu ihren Eltern in die BRD. Sie arbeitete als technische Zeichnerin und Dolmetscherin und schrieb über 350 Gedichte. Am 26. Mai 1982 verbrannte sich Semra Ertan in Hamburg, um ein Zeichen gegen die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland zu setzen. Sie verstarb zwei Tage später am 28. Mai 1982.

Zum zweiten Ausstellungswochenende kommen am 16/Mai mit Mevhibe Çetin, Nuran Dirlikli, Aysel Göksu und Sabahat Tezyel einige der Frauen aus dem Wohnheim in der Stresemannstraße 30 persönlich zu einem Gespräch. Eine andere Protagonistin der ersten Generation und erste türkeistämmige Absolventin an der DFFB in Berlin 1980 ist die Schauspielerin, Regisseurin und Gorki-Ensemblemitglied Sema Poyraz. Sie kommt am 16/ Mai mit zwei Kurzfilmen zum Gespräch. Vor den Veranstaltungen mit den Protagonistinnen hören wir am 15/Mai einen Vortrag von Ayfer Bartu mit dem Titel Almanya’ya Giden İlk Kuşak Kadın İşçiler (Die erste Generation der Arbeitsmigrantinnen in Deutschland). Die Ausstellung im Depo ist vom 8/Mai bis zum 27/Juni geöffnet, es gibt ein regelmäßiges Angebot an Ausstellungsführungen und zur Finissage am 27/Juni zeigen wir Aşk, Mark ve Ölüm von Cem Kaya mit einem anschließenden Gespräch mit dem Regisseur.

Ein Projekt von Shermin Langhoff in Zusammenarbeit mit:
Dramaturgie Erden Kosova Ausstellungsszenografie Alice Faucher Kuratorische Assistenz Maral Müdok Assistenz der Künstlerischen Leitung Thalia Hertel Rechercheteam Hülya Karcı, Erden Kosova, Tunçay Kulaoğlu, Maral Müdok & Mürtüz Yolcu Produktionsleitung Ece Tufan Mitarbeit Produktion Marta Stein Koordination Çiğdem Özdemir Koordination Film Gari Vanisian Assistenz Ausstellungsszenografie Martha Bamberg & Ruby Wisdom

Eine Produktion des Maxim Gorki Theaters in Kooperation mit Anadolu Kültür mit freundlicher Unterstützung von Goethe-Institut Istanbul und Theater findet Stadt e.V.



Bildcredit: Gülsün Karamustafa, 1st of May 1977 (1977), Poster for the 7th Berliner Herbstsalon ЯE:IMAGINE, curated by Shermin Langhoff, Maxim Gorki Theater. Courtesy of Museum of Modern Art in Warsaw.
Titelcredit: nach Aras Ören, Aşk Mark ve Ölüm (1982). 

Aktuelles Datum
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15:00

Ein Epilog zum 7. Berliner Herbstsalon ЯE:IMAGINE

8/Mai–27/Juni im Depo Istanbul


Ein Epilog zum 7. Berliner Herbstsalon ЯE:IMAGINE

8/Mai–27/Juni im Depo Istanbul