CAN DÜNDARS THEATER KOLUMNE #58

CAN DÜNDAR’IN TİYATRO SÜTUNU #58



Kolumnen haben ein Ende, Reisen nicht… Da für mich eine neue Reise begonnen hat, konnte ich keine Karikatur für diese Kolumne zeichnen. Vielen Dank an alle. Gute Reise!
Serkan Altuniğne, Ankara 


Köşe yazısının Türkçe orijinal metni için tıklayınız

#58 EINE BÜHNE WIE EIN VERMÄCHTNIS

Meine erste Kolumne mit dem Titel Die deutsche Uhr habe ich für das Gorki im November 2016 geschrieben. Damals hatte mir das deutsche Bürgeramt einen Termin für Punkt 13:18 Uhr gegeben, um meine Meldebescheinigung zu holen. Ich hatte jene Art von Gespür für Pünktlichkeit mit einer Präzisionswaage verglichen, und das Zeitgefühl in Deutschland und der Türkei gegenübergestellt.

Fast 10 Jahre sind seither vergangen. Die Jahre sind unbarmherzig durch die sehr schmale Taille meiner Sanduhr geflossen. Mehr als 100 Monate, die im Warteraum des politischen Exils vergangen sind. Die Kolumnen, die ich Monat für Monat geschrieben habe, wirken wie die Notizen dieses ungeduldigen Wartens. Wie die traurigen und fröhlichen Seiten eines Tagebuchs, das in meiner Tasche von Stadt zu Stadt wandert. Die monatlichen Protokolle eines unfreiwilligen Gastaufenthalts, der länger gedauert hat, als ich es mir je hätte vorstellen können, die Erzählungen eines neuen Lebens, das ich mir in Deutschland aufzubauen versuchte. Deshalb hat jede einzelne dieser Kolumnen einen ganz anderen Platz in meinem Herzen als jene, die ich in all den Jahren geschrieben habe…

***

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich zum ersten Mal durch das Tor des Gorki-Theaters ging: Montag, der 5. September 2016. Ich war erst vor vier Tagen in der deutschen Hauptstadt angekommen. Ich hatte mein Land, meine Familie, mein Zuhause verlassen und mich von meiner Zeitung Cumhuriyet verabschiedet, für die ich jahrelang gearbeitet hatte. Zwei Tage zuvor war der Reisepass meiner Frau bei der Passkontrolle am Flughafen beschlagnahmt worden, als sie zu mir nach Berlin kommen wollte. Ich hatte eine Wohnung in Prenzlauer Berg gemietet. Einen festen Job hatte ich noch nicht. Ich hatte ein Stipendium für ein paar Monate, doch wie ich meine Miete danach bezahlen sollte, wusste ich noch nicht. In jener Woche erfuhr ich, dass nach der schweren Haftstrafe, die in meiner Abwesenheit gegen mich verhängt worden war, ein neues Verfahren eingeleitet wurde – und auch, dass der »Alternative Nobelpreis« unter 125 Nominierten unserem Kampf für Pressefreiheit bei der Cumhuriyet verliehen worden war. Die deutsche Ausgabe meines Buches, das ich im Gefängnis geschrieben hatte, wurde genau an diesem Tag veröffentlicht. Ich stand ein wenig verloren auf jener brüchigen Grenze zwischen meinem alten Leben, das ich hinter mir gelassen hatte, und meinem neuen.

Osman Kavala war auch gerade in Berlin. Er ist ein wunderbarer Unternehmer, der sein Leben dem Aufbau der Zivilgesellschaft und der Verteidigung der Menschenrechte gewidmet hatte und trotz eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte seit mehr als achteinhalb Jahren rechtswidrig inhaftiert ist. Morgens trafen wir uns im LiteraturHaus Café. Er erzählte mir, dass er sich mittags mit einer Gruppe von Künstler*innen im Gorki treffen würde, und lud mich ein, mitzukommen. Dort stellte er mich der Intendantin des Theaters, Shermin Langhoff, vor... Ich erinnere mich noch gut an Shermins herzliche Umarmung, die meine Situation in der Türkei kannte. »Möchtest du für unsere Webseite schreiben?«, fragte sie. Ich sagte begeistert zu. Das Honorar, das sie zahlen würde, sollte den fehlenden Teil meiner Miete decken. Der Grundstein für die Kolumne, die Sie gerade lesen, wurde an jenem Tag dort gelegt. Von da an hatte ich einen sicheren Hafen in Berlin, an dem ich anlegen, und ein Medium, für das ich schreiben konnte.

***

Seit jenem Tag bin ich in diesem Hafen. Mal mit meinen monatlichen Kolumnen, mal auf Panels – von hier aus konnte ich meine Stimme wieder erheben, die in der Türkei zum Schweigen gebracht werden sollte. Die ersten Zeilen meines neuen Buches habe ich im Foyer des Theaters gelesen. Wenn ich einen neuen Dokumentarfilm drehte, fanden die Premieren im wunderschönen großen Saal statt. In Podiumsdiskussionen debattierten wir über die Grenzen der Freiheit, das deutsche Grundgesetz oder die Kunst unter Kriegsbedingungen. Fast jeden Januar oder April gedachten wir meines ermordeten Freundes, des Journalisten Hrant Dink. Bei den Gedenkfeiern stand ich unter der Regie von Hakan Savaş Mican auf der Bühne, und der ganze Saal vergoss gemeinsam Tränen. Zum 10. Jahrestag der Gezi-Proteste schufen wir einen kleinen Gezi-Park im Innenhof. In demselben Hof errichteten wir eine Replik meiner Zelle im Silivri-Gefängnis, die von Shahrzad Rahmani entworfen wurde. Später schickten wir sie auf Tournee von Hamburg bis Amsterdam. Wir stellten »unsere« Zelle auch vor das Rote Rathaus oder zogen mit ihr vor die Türen des Bundestags, um auf politische Gefangene aufmerksam zu machen. Um den Faden der Hoffnung nicht zu verlieren, fügten wir der Zelle das Museum der kleinen Dinge hinzu, das ich gemeinsam mit Hakan Savaş Mican kuratiert hatte; darin stellten wir Beispiele für Kreativität und Widerstand aus, die in dieser winzigen Zelle geleistet wurden. Mit einer 3D-Brille ließen wir die Besucher die Isolationshaft hautnah erleben.

Unter Shermins wegweisender Intendanz wurde das Gorki nicht nur für mich, sondern auch für die »Anderen« Berlins zu einem Tempel der Kunst, in dem sie ihre Kreativität entfalten, mit ihren Unterschieden gemeinsames schaffen und zusammen eine kraftvolle Energie freisetzen konnten.

***

Während ich heute meine letzte Kolumne für das Gorki verfasse, erinnere ich mich an die Schlussszene des letzten Stücks, das ich dort gesehen habe: das herzzerreißende Finale von Das Rote Haus, das unter Verwendung von Motiven aus Emine Sevgi Özdamars Romanen Die Brücke vom Goldenen Horn und Seltsame Sterne starren zur Erde entstand. Eine zutiefst traurige Szene, die zeigt, wie jene, die ihr Abenteuer Deutschland einst in hoffnungsvollen Zügen begannen, nun mit ergrautem Haar, gebeugtem Rücken und bittersüßen Erinnerungen in dieselben Waggons gesetzt und abgeschoben werden, in denen sie vor vielen Jahren nach Deutschland kamen. Von draußen ertönen die Rufe »Wir sind das Volk«, gefolgt von Rufen nach »Remigration«. Der Bahnhof, an dem sie einst mit jubelnden Zeremonien empfangen wurden, verwandelt sich vor der Vertreibung in einen grausamen Sammelplatz. Der traurige Abschied der dritten Generation von »Gastarbeiter*innen«, die von heute auf morgen zu »Fremden« erklärt werden, unter Transparenten mit der Aufschrift »Gute Heimreise«…

Diese Szene war wie ein grandioser Abschied – nicht nur von Shermin Langhoff, sondern auch von dem Konzept des postmigrantischen Theaters, das sie fest im Berliner Kunstleben verankert hat. Zugleich war es die auf der Bühne gezeigte Probe einer Dystopie, deren Schritte man außerhalb des Theatergebäudes bereits hören konnte und deren üblen Geruch man schon in der Nase hatte. Eine düstere Vorahnung. Eine eindringliche Warnung. Das politische Vermächtnis einer Künstler*innengeneration, die über Jahre hinweg die Fahne der Pluralität hochhielten und aus der Vielfalt ihrer Stimmen ein gemeinsames künstlerisches Wir formten.

***

Mein tiefer Dank gilt Shermin Langhoff. Sie half mir, den Schock des Exils in diesem wunderbaren Hafen zu überwinden, und gab mir zehn Jahre lang die Möglichkeit, die Feder, die in meiner Heimat zum Schweigen gebracht werden sollte, hier frei zu führen. Mein herzlicher Dank gilt außerdem Çiğdem Özdemir, mit der ich mich Monat für Monat über die Ideen meiner Kolumnen beraten habe und die sie mit großer Sorgfalt übersetzt und redaktionell begleitet hat. Und natürlich Serkan Altuniğne, dessen Zeichnungen den Texten eine zusätzliche Tiefe verliehen haben.

Wir haben lange genug gelebt, um zu wissen, dass in jedem Ende auch ein neuer Anfang liegt. Deshalb segeln wir aus unserem sicheren Hafen mit Hoffnung und Mut hinaus aufs offene Meer. Maxim Gorki beschreibt in Das Lied vom Sturmvogel einen herannahenden Sturm: Er erzählt von den schweren Wolken, die sich zum Meer herabsenken, vom tobenden Wind und von den Wellen, die der Wind gegen die Felsen peitscht. In diesem Aufruhr stößt der freie »Sturmvogel« furchtlose Schreie aus und in diesem Schrei liegt die Kraft des Zorns und der Siegeszuversicht. Der »Sturmvogel« weiß, dass die Wolken die Sonne nicht lange verbergen können. Getragen von dem stolzen Gefühl dieses Wissens schwebt er zwischen den Blitzen. Überm Zorngebrüll des Meeres schreit er:

»Immer stärker tobe, Sturmwind!«

Leben Sie wohl…