

İlker Çatak und Emin Alper auf der Berlinale 2026 (© Berlinale 2026)
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Der Februar hat – seiner Kürze zum Trotz – Spuren hinterlassen, deren Echo noch lange nachhallen wird.
Entlang einer geopolitischen Bruchlinie, die von den USA bis in den Nahen Osten reicht, geriet die Welt ins Wanken. Während dieser Wochen saß ich im Schneideraum eines Dokumentarfilms, der genau diese tektonischen Verschiebungen in den Blick nimmt. Die Protagonist*innen unseres Films, den ich in Koproduktion mit der Deutschen Welle realisiere, überraschen sicher: »amerikanische Akademiker*innen im Exil«. Exil – dieses Wort verband man bislang eher mit Iraner*innen, Afghan*innen, Syrer*innen oder Kurd*innen. Doch »Trumps Amerika« hat diesen »Club der Exilierten« um eine weitere Gruppe erweitert: US-Amerikaner*innen.
Der Autor des Buches Antifa, Mark Bray, ist ein US-amerikanischer Professor, der zu Protestbewegungen und Aktivismus forscht. Als sein Buch 2017 erschien, blieb es zunächst weitgehend unbeachtet. Doch nachdem Trump »Antifa« zur »Terrororganisation« erklärt hatte, geriet auch ihr Autor ins Visier der Öffentlichkeit. Unfreiwillig wurde er als »Mr. Antifa« bekannt und sah sich massiven Drohungen ausgesetzt. In den USA existiert inzwischen die Website (https://www.professorwatchlist.org/), auf der Lehrende überwacht und öffentlich angeprangert werden. Die konservative Studierendenorganisation »Turning Point USA« führt dort eine »Professor Watchlist«, auf der Dozent*innen gemeldet werden können, die angeblich »Studierende mit linken Ideen vergiften«. Wer auf dieser Liste landet, muss mit erheblichen Konsequenzen rechnen. Nachdem zwei seiner Studierenden eine Unterschriftenkampagne gegen ihn gestartet hatten und seine Privatadresse in sozialen Medien kursierte, verließ Bray mit seiner Frau und seinen beiden Kindern überstürzt das Land und ging nach Madrid. Dort sagte er mir, dass sein Buch nichts mit »Terrorpropaganda« zu tun habe, sondern einzig eine wissenschaftliche Untersuchung von Antifa als Protestbewegung sei.
Während ich ihm zuhörte, dachte ich an die Türkei und die Initiative »Wir werden uns an diesem Verbrechen nicht beteiligen«. Anfang 2016 hatten über zweitausend Akademiker*innen ein Friedensmanifest unterzeichnet, das ein Ende der Kämpfe und Menschenrechtsverletzungen in den kurdischen Gebieten forderte. Präsident Erdoğan beschuldigte die Akademiker*innen – ähnlich wie Trump – der »Terrorpropaganda«, nannte sie »Pseudo-Intellektuelle« und stellte sie öffentlich an den Pranger. Ein regierungsnaher Mafioso drohte sogar, in deren Blut zu baden. Viele der »Friedensunterzeichner*innen«, die auf schwarzen Listen landeten, wurden von ihren Universitäten entlassen. Einige kamen in Haft, andere gingen ins Exil. Mit manchen teilen wir heute unser Schicksal in Deutschland. Diejenigen, die sich einst für die USA entschieden hatten, beobachten nun erstaunt, wie ihre amerikanischen Kolleg*innen ihrerseits ins Exil gehen.
Gegen die Unterzeichner*innen des Friedensmanifests wurde schließlich Anklage erhoben. Ich war als Journalist bei der ersten Verhandlung anwesend. Es war schmerzhaft zu sehen, wie unsere Akademiker*innen wegen des »Verbrechens«, Frieden gefordert zu haben, vor einem Strafgericht standen. Einer der Angeklagten war der Regisseur Emin Alper, bekannt durch international preisgekrönte Filme wie Tepenin Ardı (Hinter dem Berg) und Abluka (Frenzy). Wie Mark Bray hatte auch er über Studierendenbewegungen der 1960er Jahre promoviert. In seiner Verteidigungsrede sagte Alper:
»Als ich den Brief unterzeichnete«, hatte ich kein anderes Ziel als die Forderung nach Frieden – und kann auch kein anderes haben. Deshalb weise ich den Vorwurf der Terrorpropaganda zurück.«
Ausgerechnet Emin Alper gewann in diesem Jahr auf der Berlinale den Silbernen Bären. In seiner Dankesrede sandte er Solidaritätsgrüße an politische Gefangene, die seit Jahren in Haft sitzen. Obwohl ihm bewusst war, wie sensibel das Festival auf politische Botschaften und Solidaritätsbekundungen für Palästina reagiert, sagte er: »An die Menschen, die in Gaza, im Iran, in Rojava und im Nahen Osten für ihre Rechte kämpfen: Ihr seid nicht allein. Und auch mein Volk (…) wir werden nicht allein sein.«
Und worum ging es im Film Gelbe Briefe von İlker Çatak, der dafür den Goldenen Bären erhielt? Zwei Künstler*innen werden wegen der Unterzeichnung einer Friedenserklärung von der Universität, an der sie arbeiten, entfernt. Sie geraten unter staatlichen Druck, werden zerrieben zwischen Idealen und Existenzangst, während ihr Leben Stück für Stück auseinanderfällt. Eine Realität, die in der Türkei Hunderttausende erleben mussten – entlassen durch einen gelben Brief. Çatak sagte auf der Pressekonferenz, alle Beteiligten seien ein großes Risiko eingegangen, die Hauptdarstellerin Özgü Namal jedoch meinte, der Film hätte auch in der Türkei gedreht werden können – und erhielt dafür von dort viel Zuspruch. Ich bin mir da nicht so sicher. Der staatliche Druck auf die Kunst hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Der Dokumentarfilm Kanun Hükmü (Ausnahmezustand), der ein ähnliches Thema behandelt, fand keinen Vertrieb, Sondervorführungen wurden von Provinzgouverneuren untersagt. Der kurdischsprachige Film Rojbaş wurde als »für den Vertrieb nicht geeignet« eingestuft und verboten. Selbst Trailer des Films Exodus wurden auf YouTube blockiert. Beim Istanbuler Filmfestival wurde die Sektion »Queer Cinema« gestrichen und das MUBI-Festival wurde abgesagt, nachdem der Film Queer mit Daniel Craig von lokalen Behörden verboten worden war. Die Produzentin Çiğdem Mater, die Emin Alper auf der Berlinale-Bühne explizit grüßte, wurde verurteilt, weil sie beabsichtigt habe, einen Dokumentarfilm zu drehen, den sie jedoch nie realisiert hat. Seit fast vier Jahren sitzt sie dafür im Gefängnis. Viele oppositionelle Filmschaffende können in der Türkei mangels Förderung oder aufgrund von Repressionen nicht mehr arbeiten und wer arbeitet, tut es im Schatten der Selbstzensur.
Auch deshalb ist der Erfolg der deutsch-französisch-türkischen Koproduktion Gelbe Briefe von besonderer Bedeutung.
Am dem Tag, als ich ins Kino ging, um diesen Film zu sehen, erreichte mich die Nachricht von einer neuen Untersuchung in der Türkei. Mitte Februar hatten 168 Personen – darunter Journalist*innen, Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Akademiker*innen – unter dem Titel »Wir verteidigen die Laizität« eine Erklärung gegen religiöse Einflussnahme veröffentlicht. Innerhalb weniger Tage unterzeichneten über zwanzigtausend Menschen diese Erklärung. Die Erstunterzeichner*innen wurden umgehend von der Staatsanwaltschaft vorgeladen. Auch an diesem Tag erfuhr ich, dass der Türkei-Korrespondent der Deutschen Welle, Alican Uludağ, wegen »Beleidigung des Präsidenten« festgenommen worden war – ein Vorwurf, der regelmäßig genutzt wird, um Kritiker*innen mundtot zu machen. Zeitgleich entschied in Deutschland ein Staatsanwalt, es stelle keine Beleidigung dar, den Kanzler auf Facebook »Pinocchio« zu nennen.
Während ich im Kinosaal also auf den Beginn von Gelbe Briefe wartete, und durch die Meldungen über vorgeladene Akademiker*innen und festgenommene Journalist*innen scrollte, ging die nächste Meldung ein: Der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer fordere die Absetzung der Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle. Unter Bezugnahme auf palästinabezogene Proteste hatte er erklärt: »Die Berlinale darf kein Ort für Hassrede, Drohungen oder Antisemitismus sein.«
Hatte Emin Alper mit seiner Dankesrede auch die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland berührt?
Der Februar war kurz. Doch die Debatten, die er ausgelöst hat, sind von langer Dauer. Weltweit wird um die Grenzen der Meinungsfreiheit gerungen. Gedankenräume verengen sich, Ehrungen und Strafen folgen dicht aufeinander. Und wir sprechen, schreiben und produzieren weiter – mit Trophäen in der einen Hand und Handschellen an der anderen.
Übersetzung aus dem Türkischen von Çiğdem Özdemir