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In Solidarität mit unserer Kollegin und Künstlerin Zehra Doğan und den Menschen in Rojava veröffentlichen wir ihren folgenden Offenen Brief. Er verweist auf die massiven Angriffe und die immense Gewalt, der die Bevölkerung der kurdischen Selbstverwaltungszone Rojava durch die syrische Armee und islamische Milizen aktuell ausgesetzt ist.
Zehra Doğan ist vielfach ausgezeichnete Künstlerin und Journalistin. Ihre Werke wurden u.a. in der Londoner Tate Modern, auf der Berlin Biennale und zuletzt beim 7. Berliner Herbstsalon ЯE:IMAGINE: THE RED HOUSE gezeigt, wo ihrer Arbeit mehrere Ausstellungsräume gewidmet waren. Aufgrund eines ihrer Bilder, das türkische Militärfahzeuge in der von Türken und Kurden umkämpften Stadt Nusaybin als Skorpione darstellte, war sie fast drei Jahre in der Türkei inhaftiert. Nachdem der Kassationsgerichtshof ihre Verurteilung als Fehlentscheidung erkannt hatte und neue Haftbefehle erlassen wurden, sah sich Zehra Doğan gezwungen, ins Exil zu gehen. Seit 2021 ist sie Artist in Residence am Gorki.
Das Volk von Rojava führt in Syrien einen Zivilisationskampf.
Es ist ein Kampf gegen dschihadistischen Fanatismus, die Barbarei des IS und die Aggression des Regimes – ein Kampf für Aufklärung, Fortschritt, Freiheit und die Befreiung der Frauen von patriarchaler Unterdrückung.
Die seit 2012 in Rojava aufgebaute pluralistisch demokratische Gesellschaftsordnung, die auf solidarischem Zusammenleben beruht und eine ehemals feudale Region transformiert hat, ist akut bedroht.
Seit dem 6. Januar hat die sogenannte »Syrische Nationale Armee«, bestehend aus dem IS und ähnlichen dschihadistischen Strukturen, ausgehend von Aleppo eine systematische Offensive gegen die Autonome Region Rojava begonnen. Das kurdische Volk, das den IS durch entschlossenen militärischen Widerstand zurückgedrängt hat, sieht sich nun Angriffen von Kräften ausgesetzt, die das humanitäre Völkerrecht missachten und schwere Menschenrechtsverletzungen begehen. Vor den Augen der Welt werden Widerstandskämpfer*innen enthauptet, Frauen ermordet und ihre Körper von Dächern geworfen, Häuser geplündert, Leichen verbrannt. Nicht nur die Bevölkerung, sondern ein gesellschaftliches Lebensmodell, das Vorbild für die gesamte Region sein könnte, soll ausgelöscht werden.
Sollte dieser Angriff erfolgreich sein, wären nicht nur Kurd*innen betroffen, sondern auch Alevit*innen, Drus*innen, Christ*innen, Jesid*innen, säkulare Muslim*innen in der Region – und vor allem die Frauenrevolution, die sich dem patriarchalen System widersetzt, wäre bedroht. Es bestünde die Gefahr, dass die Region erneut dem IS und seiner Ideologie ausgeliefert wird. In diesem Sinne ist der existenzielle Widerstand Rojavas, der sowohl mit dem Einsatz des eigenen Lebens und dem Errichteten von Barrikaden, als auch durch die Dokumentation der Barbarei mit Filmen oder der Malerei geleistet wird, nicht nur der Widerstand der Kurd*innen, sondern der Widerstand der Menschheit, der Zivilisation und der Kunst.
Angesichts dieser Situation bedeutet politisches Schweigen faktisch, den IS und vergleichbare Akteure indirekt zu legitimieren.
Über Jahre hinweg haben Kunst- und Kulturinstitutionen in Europa und insbesondere in Deutschland, die sich selbst als »Orte kritischen Denkens« verstehen, ihre Türen für die kurdische Freiheitsbewegung, die Revolution von Rojava und ihre Künstler*innen geöffnet. Es wurden Diskursveranstaltungen, Ausstellungen, Performances organisiert, die ihren Kampf dokumentierten und ihre Werke zeigten.
Heute ist es dringender denn je, dass diese Institutionen den Widerstand unterstützen, sich mit Rojava solidarisieren und konkrete Beiträge leisten.
Mögliche Solidaritätsaktionen sind unter anderem:
Wir laden alle Kulturinstitutionen und Künstler*innen in Deutschland dazu ein, uns bei der Umsetzung dieser Bemühungen zu unterstützen und mit uns zusammenzuarbeiten. Eine klare Haltung zugunsten des Freiheitskampfes wird heute nicht nur das Volk von Rojava stärken, sondern auch zur Zurückdrängung des patriarchalen Fundamentalismus in der Region, zur Befreiung der Frauen und zur Demokratisierung der Gesellschaft beitragen.
Kontakt:
officeforpoliticalartaffairs@gmail.com
Nachrichten aus dem Gebiet:
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