CAN DÜNDARS THEATER KOLUMNE #55

CAN DÜNDAR’IN TİYATRO SÜTUNU
Zeichnung: Serkan Altuniğne


Karikatür: Serkan Altuniğne

– Bruder, wir haben gehört, du wurdest angeklagt? Was ist passiert?
Die spinnen doch, Mann!


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»WURDE DIESES LIED FÜR EINEN MANN GESCHRIEBEN?«

… diese Frage stellte in diesem Monat ein Richter in Istanbul einem Sänger. Der Name des Sängers: Mabel Matiz. Der Grund für die Anklage: der im vergangenen Jahr veröffentlichte Song Perperişan, in dem es heißt:

»Mich verlangt, dass man mich auszieht
uns gemeinsam auf ein Kissen legt.
Völlig erschöpft will ich gefunden werden
Kreuzigen sollen sie mich.«

Als das Lied erschien, startete die ultrakonservative Presse sofort eine Kampagne gegen Matiz und beschuldigte ihn der »Unmoral« und »Perversion«. In Ländern wie der Türkei weiß man: Wenn man ins Visier der regierungsnahen Medien gerät, folgt meist ein Gerichtsverfahren oder eine Verhaftung. Genau so kam es auch in diesem Fall. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich umgehend ein und verfasste eine Anklageschrift, die erotischer war als der Liedtext selbst. Darin hieß es, der Text rege indirekt sexuelles Verlangen an, erzeuge durch Metaphern erotische Assoziationen und enthalte Beschreibungen, die auf Geschlechtsverkehr abzielten. Mit der Begründung »Die öffentliche Ordnung sei in Gefahr und Kinder seien gegen solcherlei Anspielungen nicht geschützt« wurde ein Verbot des öffentlichen Zugangs zum Song sowie eine Strafe von bis zu drei Jahren Haft für den Sänger gefordert. Im Verhör zitierte der Staatsanwalt einige Zeilen und fragte:

»Komm näher, koste meinen Geschmack.
Was willst du mit der ungeübten Seele?
Der Teufel flüstert mir zu: ›Wirf‘ dich auf den Körper‹,
›lass den Vogel ins Haus‹ …

Was ist hier mit ›Vogel‹ und ›Haus‹ gemeint?“

Matiz erklärte, dass der Sänger der geliebten Person mit einem Vogel eine Nachricht ins Haus schicke. Dennoch entging er der Vorladung vor Gericht nicht.
Diesmal fragte der Richter: »Wurde dieses Lied für einen Mann geschrieben?«

Matiz konnte nicht sagen: »Das geht dich nichts an«, sondern antwortete: »Ich finde diese Frage kränkend und verletzend. Es liegt nicht in meinem Ermessen, festzulegen, wem ein Lied gewidmet ist.«
Das hieß im Grunde: »Es liegt auch nicht in Ihrem Ermessen.«

Am Ende der Verhandlung beschloss das Gericht, die Akte an das Ministerium für Familie und Soziales weiterzuleiten und von der dortigen »Generaldirektion für den Kindersozialdienst – Ausschuss zum Schutz Minderjähriger vor schädlichen Publikationen« ein Gutachten darüber einzuholen, ob der Liedtext obszön sei. Nun werden Ministerialbeamte prüfen, ob die Zeile »lass den Vogel ins Haus« obszön ist und ob sie Kindern schadet.

***

Soll man lachen angesichts eines Staates, der einem »Vogel« nachjagt, und weinen über einen Sänger, der sich vor diesem Staat für einen Vogel in seinem Lied rechtfertigen muss?

Unterstellungen, das Suchen nach unterschwelligen Botschaften, das Zerpflücken jedes einzelnen Wortes, verengen den ohnehin begrenzten Raum der Freiheit in der Türkei. Durch die Bestrafung all ihrer Gegner*innen über den Rechtsweg versucht die Regierung zugleich, alle anderen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Je fester das Erdoğan-Regime die Zügel anzieht, desto absurder werden die Druckmittel und erfundenen Straftatbestände, mit denen Staatsanwälte und Richter Oppositionelle verurteilen und einsperren wollen. Aber mit jedem neuen Verbot werden Schriftsteller*innen, Journalist*innen und Künstler*innen kreativer darin, mit Metaphern, Gleichnissen und Ironie Grenzen zu überwinden. Je stärker Satire kriminalisiert wird, desto mehr Ironie liegt in der Luft. Aus diesem Katz-und-Maus-Spiel entsteht eine so hohe, wie seltsame Kreativität.

Und hier noch eine andere Absurdität:

Die Regierung ist entschlossen, den inhaftierten Bürgermeister von Istanbul und Präsidentschaftskandidaten Ekrem İmamoğlu politisch zu vernichten, und sammelt deshalb belastendes Material gegen ihn. Einer der Vorwürfe lautet, İmamoğlu habe Journalist*innen bestochen. Im vergangenen Monat wurden sechs Journalist*innen zu diesem Vorwurf vorgeladen und nach ihren Kontakten zu einem Berater İmamoğlus befragt.

Einer von ihnen war der erfahrene Journalist Ruşen Çakır. Er erklärte, er habe diesen Berater noch nie in seinem Leben gesehen. Der Staatsanwalt entgegnete jedoch selbstbewusst: »Aber Ihre Handysignale beweisen, dass Sie sich alle zwei Wochen am selben Ort getroffen haben.« Çakır war verblüfft. Wo und wie hätte er sich mit jemandem treffen sollen, den er gar nicht kannte? Am Sonntag ging er, während er darüber nachdachte, zu einem Fußballspiel. Als fanatischer Galatasaray-Anhänger, der zwar Auswärtsspiele nicht immer besuchen konnte, verpasste er keines der alle zwei Wochen in Istanbul stattfindenden Heimspiele. Als er das Stadion betrat, ging ihm ein Licht auf. Er schaute sofort im Social-Media-Profil des Beraters nach, mit dem er angeblich regelmäßig zusammentraf. Bingo! Auch der war ein glühender Galatasaray-Fan. Die Polizei hatte gesehen, dass sich die Handysignale zweier Personen, die alle zwei Wochen zur selben Zeit auf derselben Tribüne ein Spiel verfolgten, überschnitten und meldete dies der Staatsanwaltschaft. Çakır erklärte dem Staatsanwalt die Lage: „Schauen Sie sich den Spielplan an und vergleichen Sie ihn mit den Daten der Handysignale, dann werden Sie verstehen.« Er wurde entlastet.

***

Nicht jeder hat so viel Glück. Der Journalist Fatih Altaylı sagte im Juni in einem Kommentar auf seinem YouTube-Kanal, als er darüber sprach, dass die Regierung den Wählerwillen respektieren müsse, dass »dieses Volk hat selbst den Sultan ausgebuht oder erdrosselt, wenn er ihm nicht passte. Es gibt nicht wenige osmanische Sultane, die in Komplotten oder Attentaten ums Leben kamen oder deren Ermordung als Selbstmord getarnt wurde.« Erdoğan fühlte sich umgehend von dem »Sultan«-Vergleich angesprochen. Aus Altaylıs Sätzen wurde die Aufforderung zum Attentat herausgelesen. Der Journalist wurde am nächsten Morgen in seiner Wohnung festgenommen und »wegen offener Drohung gegen den Präsidenten« zu vier Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Er sitzt noch immer im Gefängnis.

***

Und wie kommt man aus dem Gefängnis wieder heraus? Zunächst einmal durch Schweigen, keine Botschaften aus dem Gefängnis herausschicken und die Opposition beenden. Besser, man entschuldigt sich und bittet um Gnade.

So machte es zum Beispiel Hilal Saraç, eine medizinische Astrologin. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie mehrere politische Prognosen. Eine davon betraf den Gesundheitszustand des ultrarechten Regierungspartners Devlet Bahçeli. Auf ihrem Social-Media-Account schrieb sie:

»Sein Gesundheitszustand wirkt auf mich etwas problematisch. Falls eine geplante Operation ansteht, sollte er sie verschieben. Der Eingriff könnte nicht wie gewünscht verlaufen.«

Einige Wochen später wurde Bahçeli wegen einer Grippe ins Krankenhaus eingeliefert. Daraufhin schrieb Saraç erneut: »Meiner Meinung nach sollte Bahçeli seine Lunge untersuchen lassen. Er hat sehr ernste gesundheitliche Probleme.« Am nächsten Tag fügte sie hinzu:

»Die Wahl wird vorgezogen, aber jemand wird sie nicht mehr erleben. Ich bin nicht mutig genug, den Namen zu nennen, aber ihr seid klug genug, es zu verstehen.«

Ob die Leser so klug waren, weiß ich nicht – die Staatsanwälte waren jedenfalls »klug genug«. Am nächsten Tag wurde Saraç wegen »Beleidigung hoher Staatsvertreter« festgenommen. Sie erklärte in ihrer Aussage, es handle sich lediglich um astrologische Vorhersagen. Doch man hörte ihr nicht zu, sie wurde inhaftiert. Aus dem Gefängnis schickte sie Bahçeli eine Nachricht: »Ich entschuldige mich für meine Gesundheitsprognosen und wünsche Ihnen von Gott Genesung.« Sie bat um Gnade, um zu ihren Kindern zurückkehren zu können. Einige Wochen später wurde sie freigelassen.

Bahçeli kehrte nach fünfmonatiger Behandlung an seinen Arbeitsplatz zurück. Ob es zu vorgezogenen Neuwahlen kommt, ist noch unklar. Selbst wenn Astrolog*innen das Ob oder Nicht vorhersehen sollten – sie werden sich wohl nicht trauen, es auszusprechen.



Übersetzung aus dem Türkischen von Çiğdem Özdemir