

Karikatür: Serkan Altuniğne
– »Inkasso und Abzocke, Veruntreuung, Drogen- und Waffengeschäfte, Schutzgeld, Diebstahl, Mord, Leute zusammenschlagen, Steuertricks, Fälschung – bei dem Typen ist wirklich alles am Start.«
– »Dann kann man ihm ja vertrauen…«
– »Sicher!«
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DER MAFIABOSS IHRES VERTRAUENS
Zwei aktuelle Umfragen – eine aus Deutschland, eine aus der Türkei – zeichnen ein klares Bild über den Zustand der Demokratien beider Länder: Das Vertrauen in Politik und politische Institutionen ist tief erschüttert.
In der Türkei stellte das Meinungsforschungsinstitut ASAL Araştırma im November 2025 die Frage: »Vertrauen Sie Politiker*innen?« Drei von vier Befragten verneinten. Zieht man jene Gruppe ab, die keine Angaben machte, liegt das Vertrauen in Politiker*innen bei unter 17 Prozent.
Auch in Deutschland weist die Studie »Demokratie in der Krise« der Körber-Stiftung aus dem Vorjahr in eine ähnliche Richtung: Nur 22 Prozent der Befragten glauben, dass Politiker*innen die nötigen Fähigkeiten besitzen, um die Transformation des Landes zu gestalten.
Diese Werte markieren einen historischen Einbruch. Noch 2020 sagten in Deutschland über 60 Prozent, dass die Demokratie funktioniere und eine Mehrheit war der Meinung, dass die Politik die Probleme des Landes lösen könne. Der Vertrauensverlust beschleunigte sich ab 2021 – ausgelöst durch die Pandemie und ihre sozialen wie wirtschaftlichen Folgen. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine, der Energiekrise und hohen Lebenshaltungskosten verstärkte sich der Eindruck, die Politik sei nicht auf Krisen vorbereitet und überfordert.
2023 erreichte das Vertrauen in Politik und demokratische Institutionen den niedrigsten Stand seit Beginn der Messungen: Unter 45 Prozent hielten das System noch für belastbar. Der Anteil derjenigen, die politischen Parteien vertrauten und glaubten, dass die Politik Lösungen hervorbringen könne, sank in diesem Jahr auf unter 20 Prozent.
2024 fiel das Vertrauen junger Menschen in die Politik auf einen Tiefpunkt – ein Hinweis darauf, dass auch kommende Generationen die Handlungsfähigkeit der Politik zunehmend infrage stellen.
Viele weitere Meinungsumfragen unterstützen diese Ergebnisse. Der Aufstieg neuer Parteien, die sich gezielt als »Alternative« positionieren, verläuft parallel zum Glaubwürdigkeitsverlust der politischen Mitte.
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Auch in der Türkei führte ein ähnlicher Vertrauensverlust zum politischen Umbruch. 2002 gewann die erst vor einem Jahr gegründete AKP auf Anhieb die absolute Mehrheit, während die zuvor dominierenden Parteien unter der Wahlhürde verschwanden und fast ein Zweiparteiensystem entstand. Heute – fast ein Vierteljahrhundert später – zeigen die Meinungsumfragen, dass dieses System noch immer Bestand hat. Mit dem Unterschied, dass die AKP, die einst als Reformkraft startete, die Politik wiederholt, die sie damals abgelöst hatte. Die Folgen sind unübersehbar: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung hat den Glauben an politische Problemlösungen gänzlich verloren.
Wer übernimmt in diesem beunruhigenden politischen Klima, in dem die Politik einen solchen Vertrauensverlust erleidet, Politiker*innen ihre Glaubwürdigkeit verlieren und die Demokratie massiv an Ansehen verliert, die alten Bastionen des Vertrauens?
In Deutschland verweisen die Ergebnisse der Meinungsumfragen auf die AfD. Die in der Türkei erprobte »Alternative« AKP hat ihre Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung verloren und das politische System ist eingestürzt. Wenn es um »Vertrauen« geht, drängen mittlerweile Akteure in das entstehende Vakuum, die mit Politik zunächst wenig zu tun haben.
Um zu verstehen, wie tief der Vertrauensbruch sitzt, lohnt ein Blick auf die 1990er- und 2000er-Jahre: Damals galt das Militär als die mit Abstand vertrauenswürdigste Institution des Landes – regelmäßig mit Zustimmungswerten von über 80 Prozent. Dem Militär folgten die Polizei und die Justiz, die als weitere Grundpfeiler des Regimes galten. Parteien und Medien rangierten weit unten.
Die Überlegenheit der Sicherheitsinstitutionen gegenüber den politischen Organen in Fragen der Vertrauenswürdigkeit hat sich im Laufe der Jahre kaum verändert; verändert hat sich jedoch, dass auch Armee, Polizei und Justiz vom allgemeinen Vertrauensverlust erfasst wurden. Im vergangenen Jahr stand in vielen Studien das Militär zwar weiterhin an der Spitze der Rangliste der vertrauenswürdigsten Institutionen, doch aufgrund der systematischen Aushöhlung der Institution ist das Vertrauen in den letzten 20 Jahren von über 80 Prozent auf rund 20 Prozent gefallen. Parlament und Justiz erreichen weniger als 10 Prozent und die häufigste Antwort der Befragten, mit 25 Prozent, lautet mittlerweile: »Ich vertraue niemandem«.
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Dass in dieses Vakuum neue Figuren aufsteigen, zeigte zuletzt eine informelle Online-Umfrage des Social Media Accounts »Türkiye’nin Fikri« (Die Meinung der Türkei). Die Frage lautete: »Wem vertrauen Sie außerhalb der Politik am meisten?« Die Umfrage, die öffentlich im Internet zugänglich war, jedoch nicht auf wissenschaftlichen Methoden basiert, ist nicht repräsentativ – aber aufschlussreich.
Das auffälligste Ergebnis ist, dass der Name des Mafiabosses Sedat Peker als vertrauenswürdigste Person auf Platz eins landet. 16,7 Prozent nannten den ehemaligen Straftäter und späteren Erdoğan-Unterstützer Sedat Peker. Nachdem er jahrelang in Haft saß, beteiligte er sich an der Wahlkampagne für Erdoğan. Doch als sich die Regierung entschied, mit einem anderen Mafiaboss zu »kooperieren«, wurde er ausgeschlossen, verließ die Türkei und flüchtete nach Dubai. Von dort aus drehte er Youtube Videos und plauderte schmutzige »Staatsgeheimnisse« aus. Seine Unterstützung für Bedürftige und seine Enthüllungen über Korruption in Regierungskreisen haben ihm, vor allem unter Gegner*innen des Regimes, Legitimität verschafft. Mit Stipendien für Studierende, Heizkostenzuschüssen für Bedürftige, LKW-Ladungen voller Hilfsgüter für Erdbebenopfer, Lebensmittelspenden an religiösen Feiertagen, Schutz für Opfer häuslicher Gewalt und finanzieller Unterstützung für Krankenhausaufenthalte von Sicherheitskräften hat er sein »Sympathie-Netzwerk« erweitert. Für viele ist er heute Ansprechpartner, wenn Polizei und Justiz versagen – ein drastisches Beispiel dafür, wie alternative Machtzentren entstehen können.
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Müge Anlı, die zweite auf der Liste ist ebenso bemerkenswert. Seit vielen Jahren moderiert sie eine Reality-Show im Fernsehen, klärt Mord- und Vermisstenfälle auf und löst Familienkonflikte. Auf diese Weise erreichte sie ein sehr großes Publikum und füllte das Vakuum, das Polizei und Justiz hinterließen, als eine »journalistische Problemlöserin«. Menschen, die betrogen wurden, deren Angehörige verschwunden sind oder die Gewalt erfahren haben, wandten sich zunehmend nicht mehr an die Polizei, sondern an Anlı. Die entwickelte gemeinsam mit der Polizei Lösungen. Mit ihrer »süß und bitteren« Art, wie auch ihre Sendung heißt, und mit diversen Hilfsaktionen wurde sie äußerst populär. Während alle Medien einen massiven Verlust an Glaubwürdigkeit erlebten, wurde Anlı – wie auch andere ähnliche Formate – durch hohe Einschaltquoten und wachsende Popularität zu einer möglichen Alternative für Exekutive und Justiz.
Weitere bemerkenswerte Namen auf der Liste: Der Gastronom und Küchenchef Mehmet Yalçınkaya, Jurymitglied der Sendung »MasterChef Türkiye«. Oder der Popmusiker Haluk Levent, der eine Hilfsorganisation gründete und bei Erdbeben, Überschwemmungen und jeder Art von Katastrophen tätig wurde, noch bevor der Staat reagierte. Die Liste wird mit ähnlichen Persönlichkeiten fortgesetzt.
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Diese einfache Internet-Umfrage führt uns vor Augen, wie der Einflussbereich der Politik angesichts der Vertrauenskrise schrumpft. In das daraus entstehende Vakuum drängen gesellschaftliche Figuren, die keinerlei öffentlicher Kontrolle unterliegen. Weil die Politik keine Lösungen bietet und das System zerfällt, suchen verzweifelte Menschen Hoffnung bei radikalen »Alternativen«, neuen politischen Bewegungen – oder apolitischen Hoffnungsträger*innen und erwarten von ihnen »öffentliche Dienstleistungen«. Eine Realität unserer Zeit – und zugleich eine Entwicklung, die die Balance der Macht fundamental verschieben könnte. Sie könnte das System, das auf den Säulen »Legislative – Exekutive – Judikative« beruht, aushebeln und alternative Machtzentren in die politische Landschaft bringen.
Ob die Politik bereit ist, ihren Thron an diese neuen Akteure abzugeben, ist fraglich. Doch die Menschen, die die Hoffnung auf Politik verloren haben, scheinen bereit zu sein, den »Alternativen« zu vertrauen. Für die Politik – und für die Zukunft – ist das ein alarmierendes Signal.
Übersetzung aus dem Türkischen von Çiğdem Özdemir