Ödipus und Antigone

Nach Sophokles

Der Fall scheint denkbar einfach: Ein Bruder verteidigt die Heimatstadt gegen den Angriff des anderen. Beide fallen. Der Verteidiger bekommt ein Ehrenbegräbnis mit Salut, der andere bleibt im Dreck vor der Stadt liegen. Doch die Vorgeschichte dieser Familie ist äußerst komplex und geprägt von Pädophilie, Inzest, Mord, Kindesverschleppung, Vertreibung und Selbsttötung. Die Überlebenden versteigen sich im Streit um die Totenpflege in den Untergang ihres Hauses und der Stadt.

Schicksal, würde man sagen, und sich nicht weiter um die selbstgemachten Probleme einer Herrscherdynastie kümmern wenn es nicht das antike Theater und seine Autor*innen gegeben hätte, die aus der Königssaga einen Konflikt gefiltert haben, der bis heute hartnäckig Gesellschaft und ihre Grundlagen hinterfragt.

Seit über 2500 Jahren rätseln Theatermacher*innen und Zuschauer*innen über diesen Text, versuchen die Positionen im Streit zwischen Glaube und Vernunft, Individuum und Gemeinschaft, Recht und Gerechtigkeit zu entschlüsseln. Ersan Mondtag erzählt die Geschichte von Antigone im Zusammenhang des Mythos von Antigones Vater Ödipus. Ödipus, Bruder und Vater, Mann und Sohn, versuchte seinem Schicksal zu entfliehen, um am Ende zu erkennen, dass es kein Entrinnen gibt. Ernüchtert übergibt er die Macht, sticht sich die Augen aus und flieht aus der Stadt.

Doch die Geschichte geht weiter. Sie ist kein moralischer Sonderfall, sondern Teil einer Entstehungslinie der Gewalt, des Scheiterns, Verdrängens und Belügens, der Liebe und der Sehnsucht danach, dass es einmal besser werden könnte.

Fotos: ©Armin Smailovic

Mo
19:30
Bühne


With English surtitles


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Besetzung

TANYA ERARTSİN

Orit Nahmias

Sema Poyraz

Benny Claessens

Kate Strong

Yousef Sweid

Aram Tafreshian

Marina Frenk

Pressestimmen

»Ersan Mondtag und Benny Claessen als Ödipus rocken das Gorki mit einer markanten Antiken-Interpretation [...]  Regissseur ­Ersan Mondtag schluckt den antiken Stoff, kaut darauf herum, um ihn dann inhaltlich wie ästhetisch absolut souverän auf die Bühne des Gorki Theaters zu rotzen.«

 

»Benny Claessens exaltiertes, zugleich anrührendes Spiel lässt den Ödipus zur schillernden Identifika­tionsfigur werden. [...] Musik dräut, verstärkte Stimmen hallen, Kostüme leuchten, Mondtag jongliert mit Effekten und ästhetischen Zitaten und kommt auf sehr eigene Art zum Punkt.«

Zitty, Anna Opel

» ›Ödipus und Antigone‹ spielt im alten Griechenland. Gemeint sind aber Nahostkonflikt und der Holocaust, die USA unter Donald Trump, die Flüchtlingsdebatte und die AfD. Der symbolische Vatermord, der sich in der Geschichte ewig wiederholt, wird hier als Metapher für einen selbstzerstörerischen Hang müder Zivilisation und die Sehnsucht nach starker Führung gedeutet, die derzeit Konjunktur hat.«

 

»Die Vorlagen von Aischylos und Sophokles werden zu einem effektverliebten, schrillen und ziemlich gruseligen Musiktheater. Schrill, weil Mondtag sein Ensemble hemmungslos übertrieben am Rande der Satire spielen lässt. [...] Und gruselig, weil die Kostüme [...] die Herrscherfamilie von Theben als museales Kuriositätenkabinett zeigen.« 

MOZ, Boris Kruse

»Wenn Claessens nicht auf Lacher aus ist, gibt er den Ödipus dafür herrlich wehleidig, läppisch und verschlagen wie eine alte Dame, die beim Rommé schummelt.«

nachtkritik, Michael Wolf

»Die Kostüme von Josa Marx sind eine Wucht.«

Berliner Morgenpost, Katrin Pauly

»Großes Kino Gorki.«

 

»So wird der Abend [...] zur antibürgerlichen Drohkulisse in Zeiten von Trump und AfD. Das ödipal erschlaffte Bürgertum trippelt der eigenen Abschaffung entgegen [...]«

Berliner Zeitung, Christian Rakow

»Im Berliner Maxim Gorki Theater lässt der Regisseur Ersan Mondtag nun Ödipus und die Seinen in einen wüst aufgeladenen, kühl choreographierten Krimi geraten.«

 

»Die alten Griechen wirken in den kultiviert schönen Kostümen von Josa Marx wie schlecht gelüftete Zombies aus antiken Vorzeiten [...] Ein bisschen sehen sie aus, als wären sie die makabren Kinder von David Lynch und Herbert Fritsch, und gegen beide hätte Ersan Mondtag vermutlich nichts einzuwenden.«

FAZ, Irene Bazinger