Tadeusz KantorDie Rückkehr des Odysseus
Tadeusz Kantor (1915–1990) war ein revolutionärer Theatermacher und transdisziplinärer Künstler, der die Grenzen zwischen Theater, bildender Kunst und Leben auflöste. Er bezeichnete sich selbst als Verpackungskünstler: Indem er Dinge verpackte, entzog er sie ihrem alltäglichen Gebrauch und legte die Geschichten frei, die ihnen eingeschrieben und verdrängt worden waren.
Im Juni 1944 inszenierten Kantor und befreundete Künstler:innen im von den Nationalsozialisten besetzten Krakau heimlich Stanisław Wyspiańskis Die Rückkehr des Odysseus. In einer Zeit, in der bereits das Zusammenkommen gefährlich war, wurde der Krieg nicht zum Hintergrund der Aufführung – er ging in ihre Form ein. Wyspiańskis Stück greift auf Homers Odyssee zurück, zerlegt jedoch die Figur des siegreichen Helden. Odysseus kehrt nicht nach Ithaka zurück, sondern in ein verwüstetes Europa, in einen Raum, den die Gewalt des Jahres 1944 zerstört hat. Die Heimat ist unkenntlich geworden; der heimkehrende Held ist ein Fremder im eigenen Land, gefangen zwischen Ankunft und Unmöglichkeit.
Für Kantor war dieser zerstörte Raum kein Bühnenbild. Echte, von der vom Krieg gezeichneten Stadt geprägte Gegenstände kamen in all ihrer Armut und Beschädigung in die Aufführung; Schauspieler:innen und Publikum teilten denselben prekären Raum. Hier formulierte Kantor einen Grundsatz, der sein Theater prägen sollte: Theater soll die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern mit ihr kollidieren. Odysseus trägt die Katastrophe in ein Zuhause, das ihn nicht mehr aufnehmen kann.
1955 gründete Kantor in Krakau Cricot 2. Nie ein konventionelles Theater, war Cricot 2 vielmehr ein unabhängiges Labor, in dem bildende Künstler:innen, Schauspieler:innen, Objekte und gefundene Materialien disziplinübergreifend aufeinandertrafen. Charakteristisch war insbesondere Kantors Umgang mit den Körpern der Schauspieler:innen. Sie wurden zu lebenden Skulpturen, deren Bewegungen oft mechanisch oder ritualisiert wirkten. Die Grenze zwischen Mensch und Objekt verschwamm – beide wurden zu gleichberechtigten Akteur:innen.
Kantor starb im Dezember 1990 während der Proben zu Today Is My Birthday. Cricot 2 zeigte die Produktion nach seinem Tod ein letztes Mal; sein leerer Stuhl markierte dabei eine unersetzliche Abwesenheit. Die Frage bleibt: Wie kann Kantors Theater zurückkehren, ohne rekonstruiert oder imitiert zu werden?
In Zusammenarbeit mit der Cricoteka in Krakau begreift Die Rückkehr des Odysseus Kantors Archiv als lebendiges Material. Bogdan Renczyński, der bei Cricot 2 sowohl als Schauspieler als auch als Bühnenbildner tätig war, arbeitet mit dem Gorki-Ensemble daran, Texte, Erinnerungen und Gesten in neue performative Antworten zu überführen. Sebastian Baumgarten und Till Wonka nähern sich der Produktion von 1944 in einer szenischen Lesung erneut an.
Sarkis lädt Kantor in FUGE am Gorki ein: Kunstwerke und Erinnerungen kehren als Protagonist:innen in ein fortwährendes Theater zurück. Eine mobile Plattform und 31 Kreuze, entnommen aus Kantors visueller Sprache, betreten die Gorki-Bühne.
Die Einladung setzt sich außerhalb des Theaters fort. Auf der digitalen Wand am Platz der Märzrevolution ist Eustachy Kossakowskis Fotografie von Kantors Panoramic Sea Happening aus dem Jahr 1967 zu sehen: Edward Krasiński dirigiert von einer Plattform in der Ostsee aus die Wellen. Als Sinnbild unserer neuen Spielzeit zeigt das Bild, wie das Theater das Gebäude verlässt und Wind, Wasser, Publikum und Passant:innen in eine gemeinsame Situation verwandelt.
Am 11. September um 21 Uhr bringt Dietrich Mahlows Film Kantor ist da im Rahmen der Berlin Art Week Kantors Happenings von 1968 in Nürnberg zurück in die Gegenwart – nicht als passive Dokumentation, sondern als durch und für die Kamera inszenierte Handlung. So wird der Titel des Films zum Versprechen des gesamten Projekts: Kantor ist da.
Kuratorin Çağla Ilk Co-Kuratorin Natalia Zarzecka Dramaturgie Ludwig Haugk Performance "Die Rückkehr des Odysseus" Bogdan Renczyński, Çiğdem Teke, Mickey Mahar Szenische Lesung "Die Rückkehr des Odysseus" Till Wonka, Sebastian Baumgarten Ausstattung Justus Saretz Künstlerische Produktionsleitung Vanessa Wujanz