KRIEG: Eine leichtsinnige, vorsätzliche Sache


»Die Züge fuhren mit einem Mal sehr häufig – Krieg war ausgebrochen. Die Arbeiter im Depot nahmen den Krieg gleichgültig hin, sie wurden ja nicht in den Krieg geschickt und er war ihnen genauso fremd wie die von ihren reparierten und aufgerüsteten Lokomotiven, die dann unbekannte und untätige Leute beförderten. 
Sascha las von Schlachten, von brennenden Städten und fürchterlichen Verlusten an Metall, Menschen und Besitz. Sachar Pawlowitsch hörte schweigend zu, schließlich sagte er: 
»Da leb ich und denke: Ist der Mensch dem Menschen wirklich so gefährlich, dass unbedingt eine Macht zwischen ihnen stehen muss? Von dieser Macht kommt doch der Krieg. Ich gehe umher und denke, den Krieg, den haben sich die Mächtigen absichtlich ausgedacht, denn ein gewöhnlicher Mensch kann so was nicht.«
Sascha fragte, wie es denn sein müsste.
»Tja«, antwortete Sachar Pawlowitsch und ereiferte sich. »Irgendwie anders. Wenn sie mich zu den Deutschen geschickt hätten, kaum dass der Streit losging, ich wär sofort mit ihnen einig geworden, und das wär billiger gekommen, als der Krieg. Dabei haben sie dich klügsten Leute hingeschickt.«
Sachar Pawlowitsch konnte sich keinen Menschen vorstellen, mit dem sich nicht freundschaftlich plaudern ließe. »Aber die dort oben – der Zar und seine Beamten – sind ja wohl keine Dummköpfe. Also ist der Krieg eine leichtsinnige, vorsätzliche Sache.« Und hier geriet Sachar Pawlowitsch in die Sackgasse: Kann man freundschaftlich mit jemandem reden, der vorsätzlich Menschen tötet, oder muss man ihm vorher die schädliche Waffe, den Besitz und die Würde wegnehmen?«

Andrej Platonow: Tschewengur, Suhrkamp Verlag, 2018.