4. Sept. 2026 – 11. Okt. 2026
Tadeusz Kantor
Tadeusz Kantor (1915 Wielopole Skrzyńskie – 1990 Krakau) war Avantgardekünstler, Maler, Zeichner, Kunsttheoretiker, Bühnenbildner, Regisseur, Happening-Künstler und einer der bedeutendsten Theaterreformer des 20. Jahrhunderts. Er zählt zu den international bekanntesten Persönlichkeiten der polnischen Kunstszene. Von 1934 bis 1939 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in Krakau. Während der deutschen Besatzung Polens gründete er ein experimentelles unabhängiges Untergrundtheater, in dem er heimlich Juliusz Słowackis Balladyna (1943) und Stanisław Wyspiańskis Die Rückkehr des Odysseus (1944) inszenierte. Er war maßgeblich an der Gründung der Gruppe Junger Künstler beteiligt, einem wichtigen Zentrum der Krakauer Avantgarde. 1948 organisierte er die erste Ausstellung Moderner Kunst in Krakau mit, auf der er seine metaphorischen Gemälde zeigte. Von Mitte der 1940er- bis Mitte der 1970er-Jahre entwarf Kantor Bühnenbilder und Kostüme für professionelle Theater. Aus Protest gegen die Doktrin des Sozialistischen Realismus zog er sich zwischen 1950 und 1954 aus dem offiziellen Kunstbetrieb zurück. 1955 gründete er gemeinsam mit Maria Jarema und Kazimierz Mikulski, anknüpfend an die Tradition des Vorkriegs-Künstlertheaters Cricot, das Theater Cricot 2. 1957 reaktivierte er zusammen mit einer Gruppe von Künstler:innen die Krakauer Gruppe. Mit Cricot 2 entwickelte Kantor ein Theaterlabor, das zunächst auf Stücken von Stanisław Ignacy Witkiewicz und später auf eigenen Texten basierte. Dabei durchlief seine Theaterarbeit verschiedene Phasen: vom Autonomen Theater (Die Tintenfische, 1956) über das Informel-Theater (Das Landhaus, 1961), das Zero-Theater (Der Verrückte und die Nonne, 1963), das Happening-Theater (Das Wasserhuhn, 1967) und das Unmögliche Theater (Die Schönen und die Hässlichen, 1973) bis hin zum Theater des Todes (1975). Auch Kantors Malerei war stark von den zeitgenössischen Kunstströmungen geprägt, denen er während seiner zahlreichen Auslandsaufenthalte, insbesondere in Paris und New York, begegnete. In seinen Arbeiten setzte er sich unter anderem mit Informel, Dadaismus und Konzeptkunst auseinander. Zu Beginn der 1960er-Jahre gab Kantor die Darstellung von Realität zunehmend auf und konzentrierte sich auf sein neues Konzept der Emballagen – des Verpackens und Verhüllens. Ab 1965 entwickelte er eine Reihe künstlerischer Aktionen und Happenings, darunter Die Anatomielektion nach Rembrandt (1968), und arbeitete eng mit der Foksal Galerie in Warschau zusammen. 1975 veröffentlichte Kantor das Manifest seines Theaters des Todes. Im selben Zusammenhang entstand seine international gefeierte Inszenierung Die tote Klasse. In den 1980er-Jahren brachte das Theater Cricot 2 weitere bekannte Produktionen heraus, darunter Wielopole, Wielopole (1980), Die Künstler sollen krepieren (1985) und Ich kehre nie mehr zurück (1988). In dieser Zeit vollzog sich auch in seiner bildnerischen Arbeit ein weiterer Wendepunkt: Kantor kehrte zur figurativen Malerei zurück. In seinen letzten Lebensjahren schuf er eine Reihe von Gemälden unter dem eindringlichen Titel Weiter nichts, in denen er Bilanz über sein Leben und sein künstlerisches Schaffen zog. 1990 arbeitete Kantor an seiner letzten Inszenierung Heute ist mein Geburtstag, deren Premiere er nicht mehr erlebte. Das Stück wurde nach seinem Tod vom Theater Cricot 2 aufgeführt.