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Marco FusinatoIN THE CORPSE OF THE PRESENT Prinz Friedrich von HomburgHeinrich von Kleist

Marco Fusinatos IN THE CORPSE OF THE PRESENT erstreckt sich über zwei Ebenen des Gorkis und ist an 21 Tagen jeweils acht Stunden lang zu erleben. Die Arbeit bespielt sowohl das ehemalige Foyer des Theaters, das im Erdgeschoss zur Bühne wird, als auch den großen Saal im ersten Stock. Beide Räume sind gleichzeitig aktiv und laden das Publikum dazu ein, sich frei zwischen ihnen zu bewegen und die Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven und über unterschiedlich lange Zeiträume zu erleben.

Drei Ausgangsmaterialien bilden die Grundlage für Fusinatos Bearbeitung von Heinrich von Kleists Prinz Friedrich von Homburg:

In einer gelben Reclam-Ausgabe des Stücks wurden alle Zeilen, die nicht vom Prinzen gesprochen werden, durchgestrichen, zurück bleibt der Prinz allein in den Überresten seines Textes. Das zweite Ausgangsmaterial ist eine Aufnahme von Peter Steins legendärer Inszenierung an der Schaubühne am Halleschen Ufer aus dem Jahr 1972. Das dritte ist ein in Vergessenheit geratenes Kleist-Denkmal im Innenhof einer Berliner Schule. Sein Gesicht wurde eingescannt und als Maske für die Performer:innen reproduziert.

Im Erdgeschoss, in Gorkis ehemaligem Foyer, setzen die Performer:innen diese Materialien fortwährend in Bewegung. Durch ihre Handlungen verwandelt sich Literatur in Schwingung und Theater gleitet ins Ritual. Sie drehen die Schallplatten von Hand in extrem langsamer Geschwindigkeit und dehnen Sprache zu kehligem Klang, lang gehaltenen Soundflächen und fragmentiertem, hartem Noise. Mit Kleists Gesicht vor dem eigenen und den isolierten Worten des Prinzen bewegen sie sich zwischen Verkörperung und Verschwinden. Keine einzelne Person übernimmt die Rolle des Prinzen; vielmehr wandert sie von Körper zu Körper und entzieht sich dabei immer wieder einer festen Identität.

Im großen Saal spielt Fusinato eine ausgedehnte Improvisation auf der E-Gitarre, begleitet von einer kontinuierlichen Abfolge von Videomaterial. Aus unterschiedlichen Quellen montiert, entfalten sich die bewegten Bilder neben dem überwältigend verstärkten Klang und erzeugen eine zeitgenössische Bildwelt aus Spektakel, Zusammenbruch, Übertragung und Unterbrechung.

Die beiden Ebenen geben der zentralen Spaltung in Kleists Prinz eine räumliche Form. Im Erdgeschoss kehren wir immer wieder zu Sprache, Disziplin und Repräsentation zurück, während sich der Theatersaal darüber für Improvisation, Kollision und Übermaß öffnet. Wie zwei gleichzeitig existierende Bewusstseinszustände löst keiner den anderen auf. Ohne vorgegebenen Anfang, feste Abfolge oder eine einzige Perspektive erschließt sich IN THE CORPSE OF THE PRESENT durch Bewegung, Dauer und Nähe. Jede:r Besucher:in setzt sich dabei aus diesen Elementen die eigene Begegnung mit der Arbeit zusammen.