"Kleists Figuren hören nie auf nach dem Sinn zu suchen. Sie werden der Welt (der Zeit) untreu, doch nur um dadurch ihre Treue zu jener anderen Welt zu beweisen, die mit dieser identisch, von ihrer Gebrechlichkeit und Hinfälligkeit jedoch frei ist." - László Földényi, "Kleist. Im Netz der Wörter"

Einstürzende Welten als Chance



In seiner Erzählung "Das Erdbeben in Chili" zeichnet Kleist eine autoritäre Welt, die in sich zusammenfällt. Im Chaos der Katastrophe erleben die Protagonisten eine plötzliche, schicksalhafte Freiheit. Einsturz bedeutet Neuanfang und die Aufhebung der bestehenden Gesetze. So entsteht ein anarchisch idyllischer Moment, in dem alles möglich ist, alles gedacht und geglaubt werden kann. Ein Augenblick der Utopie. Kleist kreiert so ein merkwürdiges Sehnsuchtsbild, das wie ein Freiraum funktioniert, in dem Modellwelten und -gesellschaften durchgespielt werden. Zugleich ist es ein Spiegel seiner Kunst, die keinen Unterschied zwischen dargestellter, gedeuteter und tatsächlicher Welt macht.
Kleists Figuren bewegen sich in einstürzenden, revolutionären Szenarien, wo sie wie Don Quijote gegen eine für sie inakzeptable Lebensrealität kämpfen. So als ob sie nicht zu den Systemen passen, in denen sie funktionieren müssen. Ihre Versuche, sich an einer festen Sinn-Ordnung zu orientieren, scheitern. Sie werden mit einer existentiellen Haltlosigkeit konfrontiert, dennoch wirken sie niemals resignativ. Im Gegenteil: Die Begegnung mit der "gebrechlichen Einrichtung der Welt" setzt ungeheure Energien und Kräfte frei. So stemmen sich die Figuren gegen ihr Schicksal, stark, einsam und beharrlich.
Kleist faszinierte das unmittelbare Empfinden von Realität, ohne Bezug zu rationalen Erklärungsmustern. Zugleich war für ihn - wie für seine Figuren - die Wirklichkeit immer politisch. Zeitlebens beschäftigte er sich mit den Folgen der französischen Revolution, nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch als psychologisches und ästhetisches Phänomen. Dies spiegelt sich in der Radikalität seiner Texte wider und markiert zugleich seine Außenseiterrolle unter den Künstlern seiner Zeit.
Aber was fasziniert uns heute so an Kleists gebrechlichen Welten? Wollen wir immateriellen Realitäten mehr Raum geben, die mächtiger sind, als das, was unsere rationale, technisierte Welt uns bietet? Sehnen wir uns nicht nach dem Einsturz, weil wir das Bestehende grausam, langweilig und unerträglich finden? Beeindrucken uns nicht Kohlhaas, die Marquise, das Käthchen durch ihre intuitive Sicherheit, sich gegen die Gegebenheiten zu stemmen, gerade weil sie keine Angst vor Verlusten haben, weil sie keine Fatalisten sind, sondern wie sture Utopisten agieren? Auch 200 Jahre nach Kleists Tod erweist sich seine Kunst als zeitlos und widerständig, entlarvt unsere Sehnsüchte, zieht unsere Wahrnehmung in Zweifel und spielt gnadenlos mit den Paradoxien unseres Seins.

Dem Maxim Gorki Theater ist es dank der Kulturstiftung des Bundes möglich, fast drei Wochen lang eine gemeinsame Plattform für Künstler, Wissenschaftler und Interessierte zu schaffen, um sich mit dem Menschen Kleist und seinem Schaffen auseinanderzusetzen. Zugleich wollen wir ihn als Dichter feiern. Sein gesamtes dramatisches Werk wird zu sehen sein; ebenso wird sein umfangreiches erzählerisches und theoretisches Werk von Künstlern verschiedenster Sparten betrachtet, interpretiert und zur Diskussion gestellt.
Als Festival-Setting dient der "Kleistpark", den das Künstlerduo Hoefner & Sachs entwickelt und auf das Gelände des Maxim Gorki Theaters baut. Franz Hoefner und Harry Sachs arbeiten seit den 90er-Jahren an der Schnittstelle von bildender Kunst, Architektur und Performance. Bekannt wurden sie u.a. durch Bauten, Events und Skulpturen in Halle-Neustadt, bei der "Biennale di Venezia", der "Berlinale", in Sao Paulo und Toronto. Für das Festival transformieren sie den Theater-Garten, den Innenhof und die Studiobühne in eine metaphorische Kleistwelt, die Ideen, Themen, aber auch bauliche Elemente aus Kleists Leben und Werk rekonstruiert und neu vernetzt. Es entstehen Irrwege, antikisierende Architekturen, mittelalterliche Burgstallungen, morbide Bunkerhaptik. In dieser Kleist-Welt kommen Inszenierungen, Konzerte und Installationen namhafter, aber auch noch weniger bekannter Künstler zur Aufführung. Sie ist Forum für Diskurs- und Gesprächsreihen mit Wissenschaftlern und Künstlern, die u.a. auch die mediale Kleist-Rezeption thematisieren.
Das Festival ist auch außerhalb des Theaters präsent. Das Collegium Hungaricum Berlin (in direkter Nachbarschaft), das Kleistgrab am Kleinen Wannsee, daneben der Schießstand der Deutschen Versuchs- und Prüf-Anstalt für Jagd- und Sportwaffen (frühere "Rose Range"), Kohlhasenbrück und die Innenstadt von Potsdam sind weitere Außenstationen der Kleist-Welt.
Wir danken der Kulturstiftung des Bundes und unseren zahlreichen Kooperationspartnern und nicht zuletzt den technischen Abteilungen und Werkstätten des Hauses, ohne deren besonderen Einsatz dies alles nicht möglich wäre.
Wir wünschen allen ein erlebnisreiches Kleistfestival!

Arved Schultze
Festivalkurator
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