login kiosk planet partner sponsor
BLÜHENDE LANDSCHAFTEN

KEINER WEISS MEHR. Im Maxim Gorki Theater gibt es einen Raum von der Größe eines Klassenzimmers, der als Proberaum und Gesprächszimmer genutzt wird. Dieser Raum heißt „Brinkmannzimmer”, seit hier 2006 Brinkmanns Gedicht „Westwärts” zum Monolog wurde. Rolf Dieter Brinkmann hatte eigentlich mit Theater nichts zu tun. Kein einziges Stück hat er geschrieben und sich auch nie sonderlich für die Bühne interessiert. Brinkmann war ein Lyriker, dessen Texte Räume aufbrechen, dessen Gedichte terroristisch sind, ohne von Terror zu sprechen. Jedem Theater wäre ein Brinkmannzimmer zu wünschen, in dem diese Energie erprobt werden kann. Ein Turbinenraum dramatischer Energie, ein Lesezentrum, ein Ausbildungscamp für Schauspieler, die sich wie Brinkmann aufmachen in ein unbekanntes Sprachgebiet. Rolf Dieter Brinkmann ist deshalb eine Leitplanke dieser Spielzeit im Maxim Gorki Theater, weil seine Texte blühende Landschaften der Wut auf dem weißen Papier der Ratlosigkeit sind. Das Eingeständnis des Nichtmehrwissens ist der Anfang des Verstehens von Geschichte und des Erfindens von Möglichkeiten. Es gibt kein Wissen, es gibt nur Fotos von etwas, Bilder und Geschichten. Es gibt Skelette aus Dokumenten und die rekonstruktive Erzählungsmatrix, die sie reanimiert. Vergangenheit und Zukunft kennen wir nur als im Plus- oder Minusbereich potenzierte Gegenwartx. Auf der Bühne werden diese Räume schönstenfalls zu Landschaften der Erkenntnis, Momentaufnahmen der Wirklichkeit, wie sie Brinkmann im Theater seiner Gedichte probiert hat.

KEINER WEISS MEHR – der Satz, den Rolf Dieter Brinkmann 1968 über seinen einzigen Roman setzte, war vielleicht die Überschrift für den Albtraum Heinrich von Kleists, vielleicht der Motor für Einar Schleefs Texte, vielleicht die große Hoffnung Flauberts, vielleicht die Erkenntnis Döblins. Vielleicht, denn keiner weiß mehr, wie es war. Und keiner soll sagen, er wüsste mehr.

Die Spielzeit im Maxim Gorki Theater Berlin soll ein Tagebuch der Fragen sein. Fragen sind ein Bekenntnis des Nichtwissens und gleichzeitig der sprachliche Modus des Verstehenwollens. Was wissen wir über die Landschaften, in denen wir leben? Wie sehen die Landschaften der Zukunft aus? Durch das gesprungene Glas der „Blechtrommel“, aus der Schreckstarre der „Penthesilea“, aus den Boutiquenschaufenstern der „Madame Bovary“, aus der Hitze des amerikanischen Westens, mithilfe der Drogen Einar Schleefs und aus dem Boxring Roccos und seiner Brüder beobachten wir die Landschaften der Gegenwart: was blüht gegen das Weiß der Prognosen? Nicht aus Mehrwissen, sondern aus Fragen und Fehlern entstehen gute Gedichte. Helmut Kohls „Blühende Landschaften“ sind ein Gedicht geworden, ein Gedicht über Bäume. Die Birken in den Industrieruinen Brandenburgs betreiben aktive Ideologiekritik: sie holen sich die Reste der „neuen Welt“ aus dem Bilderbuch der DDR-Prophetie und setzen gleichzeitig ihren ganz eigenen, originellen Wachstumsbegriff gegen jenen, der vor 20 Jahren die Politik kurzzeitig poetisch euphorisierte. Die blühenden Landschaften sagen: nur weil
Zeit vergangen ist, wisst ihr nicht mehr. Der Künstler Daniel Wolter hat 2007 für das Maxim Gorki Theater auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz der Sowjetarmee in Karlshorst der Natur bei der Rückeroberung des verlassenen Geländes zugeschaut. Seine Bilder und die konkreten Stadt-Landschaften Brinkmanns sind die Bilder für dieses Heft.

Zwischen KEINER WEISS MEHR und BLÜHENDE LANDSCHAFTEN liegt ein aber/oder/und. Auf jeden Fall eine Spielzeit der ungewissen Landschaften zwischen Danzig und dem Amazonas, Oklahoma und Paris, Troja und Mailand. Wenn einen Mai später die Kastanien hinter der Neuen Wache wieder Blüten tragen, wissen wir sicher nicht mehr, aber etwas anderes: DIE LANDSCHAFTEN BLÜHEN.


Download: Spielzeitheft 2010/2011